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Reise nach Thessaloniki: Liebe auf den zweiten Blick

„In Athen kann man leben, Thessaloniki aber muss man lieben“, heißt es in einem griechischen Sprichwort, tatsächlich geht die Liebe in der zweitgrößten Stadt Griechenlands einen Umweg, bis sie einen erreicht. Die schönen Seiten Thessalonikis sieht man nämlich erst, wenn man genauer hinsieht – dann entdeckt man aber eine junge, quirlige Stadt, die schon viel zu lange unterschätzt wird.

Die berühmten Regenschirme Thessalonikis spiegeln sich in der Morgensonne im Thermaischen Golf. Die Uferpromenade Leoforos Nikis wäre ein bisschen farblos ohne die Kunstinstallation des griechischen Künstlers Giorgos Zogolopoulos, dessen Schirme hier seit knapp 21 Jahren in den Himmel ragen. In Thessaloniki gibt es keinen berühmten Hafen wie Athen ihn mit Piräus hat und keine blau-weiße Instagram-Idylle wie auf Santorin. Die Promenade verläuft schnurgerade am Wasser, schmutzig-weiße Häuser reihen sich aneinander, dazwischen Restaurants, Shops, Cafés, und auf den Wellen schaukeln nur vereinzelt kleine Boote.

Thessaloniki: Liebe auf den zweiten Blick
Der griechische Künstler Giorgos Zogolopoulos inszenierte die berühmten Sonnenschirme Thessalonikis.

Thessaloniki hat es nicht leicht. Als zweitgrößte Stadt Griechenlands bekommt die kleine Schwester von Athen weniger Beachtung von Touristen – und macht es ihnen auch nicht leicht. Liebe auf den ersten Blick gibt es bei Saloniki, wie die Einwohner ihre Stadt nennen, selten. Thessaloniki wirkt ein bisschen heruntergekommen, ein bisschen verlebt; beinahe so, als hätte es aufgegeben, in Konkurrenz zum gehypten Athen zu treten. Doch Thessaloniki hat viele Chancen. Die Reisebranche verändert sich, Experten sind sich sicher, dass die Zweiten jetzt die Ersten sind. Weil Touristenmassen schon immer in die Hauptstädte reisten, wird Overtourismus zum Thema – und „zweite“ Städte wie Thessaloniki könnten mehr Aufmerksamkeit bekommen.

Thessaloniki: Liebe auf den zweiten Blick
Die Uferpromenade von Thessaloniki heißt Leoforos Nikis.
Thessaloniki: Liebe auf den zweiten Blick
Die Leoforos Nikis ist insgesamt 3,5 Kilometer lang.

Es ist Liebe auf den zweiten Blick, die einem in Saloniki widerfährt. Nämlich dann, wenn man genauer hinschaut, wenn man mit den Einheimischen redet und eine lustige Geschichte über die Stadt und ihre Einwohner hört; wenn man sich treiben und überraschen lässt – und zum Beispiel merkt: Thessaloniki ist jung. In der Studentenstadt gibt es rund 100.000 Studenten, zehn Prozent der Einwohner sind unter 25 Jahre alt, während der Bürgermeister schon ein stolzes Alter, aber eine junge Seele hat. Giannis Boutaris ist 75, rebelliert aber mit Tattoos und Ohrring gegen das vermeintlich spießige Image eines Bürgermeisters.

Thessaloniki: Liebe auf den zweiten Blick
Der weiße Turm gilt als Wahrzeichen der Stadt.
Thessaloniki: Liebe auf den zweiten Blick
In der Innenstadt gibt es viele Shoppingmöglichkeiten, z. B. die „Notos Galleries“ (Mitropoleos 31) mit fünf Etagen.

Wie jung und hip die Stadt ist, merkt man an den vielen Cafés, Restaurants und Bars, in denen es zu jeder Tages- und Nachtzeit vor Leuten nur so wimmelt. Irgendwo sitzen, etwas trinken und stundenlang reden, das gehört zur Mentalität der Menschen in Thessaloniki. Schon morgens sind die Cafés an der Uferpromenade Leoforos Nikis voller Einheimischer, die ihren griechischen Kaffee und einen Happen Süßes lieber draußen, als zu Hause genießen; die Zeitung gibt’s auch hier, außerdem könnte ja ein Nachbar vorbeikommen, mit dem man plaudern könnte. Nachmittags steigt man dann auf einen „Freddo Cappuccino“ um, das erklärte Lieblingsgetränk der Touristen, das man schon um € 1,50 bekommt. Dazu „Kouluri“, Teigringe mit Sesam (ab € 0,50) – fertig ist der Nachmittagssnack.

Thessaloniki: Liebe auf den zweiten Blick
Salat mit Granatapfelkernen, Nüssen und Parmesan.
Thessaloniki: Liebe auf den zweiten Blick
Gavros, frittierte Sardellen.

Nachts geht es vor allem im Viertel Ladadika rund. Wo einst der Hauptumschlagplatz für Öl, Oliven und Mehl war, liegt heute das Zentrum des Nachtlebens: In den engen Straßen gibt es im Sommer kaum ein Durchkommen und es wimmelt nur so vor Bars, Tavernen und Ouzerien, wo man am liebsten Mezedes, kleine Appetithäppchen isst, von denen man gleich mehrere bestellt, zum Beispiel Gavros, frittierte Sardellen, Fetakäse, Tsatsiki oder Salat mit Granatapfelkernen, Nüssen und Parmesan. In den griechischen Kneipen, wie zum Beispiel dem „Vogatsikou 3“, gibt’s neben Bier und Wein auch gute Cocktails, einen DJ und sehr, sehr oft griechische Musik von lokalen Künstlern. Dass hier keinesfalls nur Touristen sitzen, merkt man spätestens dann, wenn das halbe Lokal leidenschaftlich mitsingt, wenn wieder ein heimischer Song gespielt wird.

Thessaloniki: Liebe auf den zweiten Blick
Thessaloniki war jahrhundertelang Teil des römischen Imperiums, das sieht man u. a. im Forum Romanum.

Ja, Thessaloniki ist jung, aber in Wahrheit eine alte Stadt, die vor allem im Kern nicht nur griechische Wurzeln hat. Ob Römer, Griechen, Osmanen, Juden – wegen der strategisch günstigen Lage im Norden Griechenlands waren alle hier und machten Thessaloniki schon vor langer Zeit zum Schmelztiegel der Kulturen. Als das Königreich Griechenland 1830 gegründet wurde, waren Thessaloniki und der Nordosten des Landes nicht dabei; zum damaligen Zeitpunkt herrschten hier oben die Osmanen. Es dauerte sogar noch bis 1912, bis Thessaloniki von griechischen Truppen erobert wurde und die fast 500 Jahre währende Herrschaft der Osmanen zu Ende ging.

Thessaloniki: Liebe auf den zweiten Blick
Die Oberstadt wird Ana Poli genannt.
Thessaloniki: Liebe auf den zweiten Blick
Hier befindet sich der ältste Teil der Stadt.

Heute entdeckt man überall historischen Überbleibsel aus jener Zeit. Das Gebäude des Bezesteni-Marktes (zwischen Venizelou and Solomou) hat sechs Kuppeln und ist durch und durch osmanisch, das Bey Hamam (Kreuzung Mitropolítou Gennadíou, Egnatíou und Aristotélous) ist nicht nur das bedeutendste türkische Bad der Stadt, sondern auch das wichtigste erhaltene Hamam in ganz Griechenland. Wer sich in die Oberstadt, Ana Poli genannt, aufmacht, entdeckt den ältesten Teil Thessalonikis. Es geht über schmale und verwinkelte Gassen nach oben, die Wege sind oftmals steil, aber ist man erst mal angekommen, offenbart sich einem ein weiter Blick auf die Stadt. Und auch wenn die schmutzig-weißen Häuserfassaden vielleicht schon bessere Zeiten erlebt haben, ist es hier oben trotzdem schön, vor allem zur Zeit des Sonnenuntergangs, wenn die Sonne wie ein Feuerball im Thermaischen Golf versinkt.

Thessaloniki: Liebe auf den zweiten Blick
Einst ein türkisches Bad, ist das „Aigli Geni Hamam“ (Agiou Nikolaou 3) heute eine Bar mit einer coolen Kulisse.

Apropos Feuer: Thessaloniki brannte im Jahr 1917 nahezu vollkommen ab, einzig Ana Poli wurde nicht durch das Feuer zerstört. Über die Ursache des Brandes darf man natürlich nicht lachen, man muss aber doch schmunzeln, wenn man den Hintergrund erfährt: Angeblich verursachte eine Frau das Feuer, weil sie in ihrem Garten Auberginen frittierte! Vielleicht ist die Lehre, die man daraus zieht, dass man Auberginen in Thessaloniki lieber essen sollte, als selber zu frittieren, zum Beispiel im „Sebrico“ (Fragkon 2) oder im „Agioli“ (Leoforos Nikis 15).

Thessaloniki: Liebe auf den zweiten Blick
Ob bei der An- oder Abreise: Schnell zeigt sich, warum Thessaloniki auch als „weiße Stadt“ bezeichnet wird.

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Offenlegung & Infos

Visit Greece und Neckermann Reisen haben mich eingeladen, nach Thessaloniki zu reisen. Meine Reportage wurde in der Zeitschrift miss veröffentlicht.

(Werbung, unbezahlt / Pressereise / Ortsnennung und Verlinkung)

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