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Bildergeschichten im Elsass: Was die Ladenschilder Urlaubern im Elsass erzählen

Das Elsass bezaubert seine Besucher nicht nur mit malerischen Fachwerkhäusern, idyllischen Dörfern und einem großartigen Mix aus französischem Charme und deutscher Gründlichkeit, sondern auch mit den besten Geschichten aus der putzigsten Region Frankreichs. Und die schönsten von ihnen erfährt man, wenn man den Blick nach oben richtet.

Nach wenigen Stunden im Elsass merke ich: Ich habe eine große Bildungslücke. Denn von Jean-Jacques Waltz habe ich noch nie zuvor gehört. Auch sein Spitzname Hansi hilft mir nicht auf die Sprünge. Was mir völlig fremd ist, ist im Elsass jedoch ein Volksheld – und der Grund dafür, dass ich auf meinen Spaziergängen durch Mulhouse, Strasbourg und Colmar nicht auf die Straßen schaue, sondern stets nach oben.
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Schon bevor das erste Mal sein Name fällt, hebe ich den Blick. Es sind zwar die malerischen Fachwerkhäuser, die sich hier wie Perlen aneinanderreihen und Touristen staunen lassen, die einem zu allererst auffallen – aber meine Augen bleiben direkt danach an den Ladenschildern hängen, die überall im Elsass über den schmalen Gassen hoch in der Luft baumeln.

Die Geschichte dieser Ladenschilder geht weit zurück; in jene Zeit, in der viele Menschen nicht lesen konnten. Damit sich trotzdem jeder zurecht finden und vor allem erkennen konnte, ob er einen Gasthof, einen Fleischer oder eine Apotheke betritt, wurden über den Läden Schilder angebracht, die die Geschichte des Betriebs und die Tätigkeiten darin anschaulich zeigten.Bildergeschichten im Elsass: Was die bunten Ladenschilder Urlaubern im Elsass erzählenHier kommt Jean-Jacques Waltz ins Spiel, der 1873 in Colmar geboren wurde und 1951 auch hier starb. Vordergründig war Hansi, so sein Künstlername, jedoch nicht Künstler, vielmehr ging er als „Deutschenhasser“ in die Geschichte ein. Schon als Schüler soll er mit der schwierigen Geschichte des Elsass‘ gehadert haben: Seit dem 17. Jahrhundert wechselte das Elsass mehrfach die politische Zugehörigkeit zwischen dem Heiligen Römischen Reich bzw. dem Deutschen Reich und Frankreich. Jean-Jacques Waltz war knapp zwei Jahre alt, als das Elsass gemeinsam mit Lothringen nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 an das neue Deutsche Kaiserreich angegliedert wurde. Er wuchs also auf deutschem Boden auf. Als er 45 war, wurde das Elsass nach dem Ersten Weltkrieg wieder französisch – bis es 1940 dann wieder bis 1945 deutsch wurde.
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Das Elsass war hin- und hergerissen – und Hansi war es auch. Deshalb lebte Jean-Jacques Waltz jahrzehntelang seine antideutsche Gesinnung aus – und kreierte unzählige deutschfeindliche Karikaturen, die noch heute von vielen Franzosen gefeiert werden. Seinen Künstlernamen passte er an ein von ihm geschriebenes und illustriertes Kinderbuch an. In „L’Histoire d’ Alsace racontée aux petits enfants par l’oncle Hansi“ (deutsch: Die Geschichte des Elsass den kleinen Kindern vom Onkel Hansi erzählt) schildert er kindergerecht die Geschichte des Elsass’.
Bildergeschichten im Elsass: Was die bunten Ladenschilder Urlaubern im Elsass erzählenSeine geliebte Heimat prägte er aber vor allem mit den Ladenschildern, von denen ich nicht die Augen abwenden konnte, als ich durch die Städte und Dörfer im Elsass pilgerte. Denn das sind keine einfachen Schilder, die irgendwelche Schriftzüge tragen, es ist Kunst: In verschiedene Rahmen, die kunstvoll aus Eisen geschmiedet wurden, sind Blechtafeln angebracht, die von beiden Seiten bemalt wurden und die alle eine Geschichte erzählen – die Geschichte des Ladens, für den das Schild steht. Heute sind viele dieser Geschäfte gar nicht mehr ansässig, doch die Schilder baumeln noch immer hoch über den Straßen im Elsass.
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Viele davon tagen die Handschrift von Hansi. Eines der bekanntesten ist jenes für die Charcuterie der Brüder Fincker, einem Laden für Fleisch und Wurstwaren. Schinken und Sauschädel auf dem Schild stehen für das Gewerbe der beiden, doch die Botschaft von Hansi geht weiter: Das Mädchen, das das Schwein treibt, trägt zwar die elsässische Nationaltracht – aber auf der Haube prangt die französische Tricolore. Ein Symbol, mit dem Jean-Jacques Waltz viele seiner Schilder subtil verzierte.

Aber wer weiß, vielleicht hat sich Hansi am Ende seines Lebens mit der Geschichte seines Landes versöhnt. Bis zu seinem Tod 1951 erlebte er immerhin sechs Jahre, die das Elsass wieder zu Frankreich gehörte – dann aber endgültig.



Offenlegung & Infos

Atout France, die Französische Zentrale für Tourismus, und Tourisme Alsace haben mich eingeladen, ins Elsass zu reisen. Meine Reportage wurde in der Zeitschrift miss veröffentlicht.

(Werbung, unbezahlt / Pressereise / Ortsnennung und Verlinkung)

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