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100 Jahre, 100 Schläge: Der Klang der Friedensglocke in Rovereto

Wenn die Sonne auf dem Hügel von Miravalle über der Stadt Rovereto im italienischen Trentino untergeht, läutet die Campana dei Caduti exakt hundert Mal. Die Friedensglocke wurde aus den Kanonen der Länder, die am Ersten Weltkrieg teilgenommen haben, verschmolzen – und läutet genau dort, wo vor 100 Jahren die Grenze zwischen Österreich-Ungarn und Italien verlief.

In der breiten Allee weht der Wind wie ein leises Flüstern durch die Wipfel der Flaggen. Es ist niemand zu sehen, nur in der Ferne ertönen Kinderstimmen. „Eine Schulklasse“, denke ich, und als ich langsam zwischen den Fahnenmasten nach vorne gehe, taucht die verschwommene Shilouette einer Menschentraube vor mir auf. Kleine Menschen auf einem hohen Vorsprung, unter dem sich die Weite von Rovereto und des Trentino offenbart. Doch es ist nicht der Weitblick, den man hier zuerst wahrnimmt, es ist der Umriss einer gigantischen Glocke, die über den Konturen der schroffen Berge zu schweben scheint. Bevor ich die Schulklasse vollständig sehe, kann ich erahnen, wie die Kinder die Worte ihres Lehrers – „pace“, „cannoni“, „guerra“ – überhören und verlachen, weil sie lieber hüpfen und springen; nach Luft japsend im Wettbewerb, ob einer von ihnen es schafft, den schweren Glockenklöppel mit den Fingerspitzen zu erreichen.

100 Jahre, 100 Schläge: Der Klang der Friedensglocke in Rovereto

Die „Glocke der Gefallenen“ in Rovereto

Die Worte „pace“, „cannoni“, „guerra“ – Frieden, Kanonen, Krieg – werden leicht in der Luft zu mir getrieben, wiegen hier jedoch schwer. Es waren die Schrecken und Schmerzen des ersten Weltkrieges, die den Priester Don Antonio Rossaro im Jahr 1924 auf eine außergewöhnliche Idee brachte: Er initiierte, dass die Bronze der Kanonen der Länder, die am Ersten Weltkrieg teilgenommen haben, verschmolzen und zu einer gigantischen Glocke gegossen wurde. Rossaro wollte damit ein Symbol schaffen „für die ewige Verdammnis des Konflikts, des Frieden des Gewissens, der Brüderlichkeit unter den Männern und der Solidarität zwischen den Völkern“, so der Priester aus Rovereto über seine Vision.

Die „Campana dei Caduti“ (wörtlich: „Glocke der Gefallenen“) erklang zum ersten Mal am 4. Oktober 1925 in Rovereto. Exakt 3,21 Meter Durchmesser und das Gewicht von 22,639 Tonnen machte das Mahnmal zur größten Glocke der Welt, die heute noch freischwingend und „a distesa“ läutet, das heißt: Die Glocke schwingt um eine fast baryzentrische Achse. Jeden Abend, zum Sonnenuntergang, ertönen 100 Schläge der Friedensglocke, zur Erinnerung an die Kriegsgefallenen der Welt und Ermahnung zu Frieden. Wenn es zu kalt ist, kann es sein, dass die Glockenschläge ausbleiben oder weniger sind, und es gibt Nachbarn auf der anderen Seite des Hügels von Miravalle, erzählt man mir, die anrufen, wenn es nicht exakt 100 Schläge sind.

100 Jahre, 100 Schläge: Der Klang der Friedensglocke in Rovereto

Drei Glocken, eine Botschaft

Der Hügel von Miravalle war aber nicht von Anfang an die Heimat der Friedensglocke. Sie wurde mehrfach umgesiedelt und auch zweimal, 1939 und 1964, neu gegossen und dabei jeweils vergrößert. Die erste Glocke hatte ein Gewicht von 11.000 kg, maß 258 cm in der Höhe und 255 cm im Durchmesser und der Klöppel wog 600 kg. Außen wurde sie vom Bildhauer Stefano Zuech verziert, mit Figurengruppen, die sich mit den Themen Abschied, Kampf, Tod und Sieg befassten. Man hängte die Glocke auf ein Holzgerüst beim Burgturm Malipiero auf, bemerkte aber rasch ihre schlechte Klangqualität. Es dauerte aber weitere 14 Jahre, bis die zweite Glocke gegossen wurde.

1938 goss man aus den zerkleinerten Teilen der ersten Glocke eine neue, das Projekt scheiterte jedoch, weil die Gussform auseinanderbrach. Ein Jahr später versuchte man es wieder und kreierte die zweite Friedensglocke mit einem Gewicht von 16.280 kg und einer Höhe und einen Durchmesser von 300 cm. Wegen dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges dauerte es aber noch bis zum 5. Mai 1944, bis die Glocke wieder aufgehängt werden konnte. Ihre 100 Schläge ertönten jedoch erst wieder nach Kriegsende am 20. Mai 1945.

Die dritte und heutige Glocke wurde am 1. Oktober 1964 gegossen und fiel noch größer aus als zuvor: Das Gesamtgewicht der Friedensglocke beträgt nun 22.639 kg, die Höhe 336 cm und der Durchmesser 321 cm. Der Klöppel hat nach wie vor ein Gewicht von 600 kg. Damals zog sie auch an ihren neuen Standort auf dem Miravalle um.

100 Jahre, 100 Schläge: Der Klang der Friedensglocke in Rovereto

Zwischen Grenzen und Glocken

Als die Dämmerung aufzieht, stehe ich vollkommen alleine auf dem Hügel unter der Glocke und lasse meinen Blick ins Tal gleiten. Wo man auf schroffe Bergspitzen und weite Täler blickt, wurde einst Geschichte geschrieben; und wieder ist es der Krieg, der hier der Autor war. Genau hier verlief vor 100 Jahren die Grenze zwischen Österreich-Ungarn und Italien. Was heute wenig greifbar ist, war ein Jahrhundert zuvor schicksalsgebend für zwei Länder.

Die Entscheidung, wie Grenzen gezogen werden, bestimmten Menschen und Republik und prägen vor allem ihre Geschichte bis heute. „Für die Habsburger-Monarchie war Italien so etwas wie der liebste Erbfeind. Als sich Italien 1915 auf die Seite der Entente schlug und Österreich-Ungarn den Krieg erklärte, wurde ihm der Erwerb großer Gebiete, darunter Südtirol und das Kanaltal, versprochen. Nichtsdestoweniger entwickelte sich Italien nach dem Krieg zu einer Art Schutzmacht Österreichs“, erklärte der Historiker Manfried Rauchensteiner in der neunteiligen ORF-Dokumentation „Unser Österreich“.

Grenzen gibt es hier oben heute keine mehr, auch wenn sich im Herbst 2018 ein besonderes Jubiläum jährt: Genau am 31. Oktober 1918 brachen hier die Grenzen auf, als die Österreichisch-Ungarische Monarchie zusammenbrach. Nach dem Waffenstillstand von Villa Giusti am Ende des Ersten Weltkriegs wurde das Trentino von italienischen Truppen besetzt und im Vertrag von Saint-Germain letztendlich am 10. Oktober 1920 dem Königreich Italien angegliedert.

100 Jahre, 100 Schläge: Der Klang der Friedensglocke in Rovereto

100 Jahre, 100 Schläge

Als ich mich umdrehe und fast in Zeitlupe zurückgehen, begleitet mich das leise Echo der Glockenschläge in meinem Kopf. Die Friedensglocke hinter mir, der Fahnenweg vor mir. Wieder ist niemand zu sehen, nur die Flaggen wehen sanft im Abendwind. Jeder Schritt durch die stumme Allee wird von einer kleinen Geschichte begleitet, die man an den bunten Fahnen ablesen kann. 84 Nationen haben hier ihre Banner auf dem Fahnenweg aufgestellt. Damit zeigen sie sich solidarisch mit der Botschaft der Glocke, schließen einen Friedenspakt. Was vor 100 Jahren passierte, wiegt nicht mehr ganz so schwer wie früher. Wichtig sind nur die 100 Schläge. Jeder einzelne erklingt hier friedlich.


Offenlegung & Infos

Visit Rovereto hat mich eingeladen, nach Rovereto zu reisen. Meine Reportage  wurde im Bahnreiseblog der ÖBB auf railaxed.at veröffentlicht.

(Werbung, unbezahlt / Pressereise / Ortsnennung und Verlinkung)

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