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Reise-Kolumne: Sturm, Schnee & Säntis: Gefangen auf dem Gipfeli!

In letzter Zeit ziehe ich schlechtes Wetter an; beinahe so, als hätte jede Schlechtwetterfront einen Radar, der mich überall auf der Welt aufspürt. In Israel regnet es durchschnittlich sieben Tage pro Jahr? Ich bin dabei! Orkan über Madeira, Sandsturm in der Sahara? Ich bin mittendrin. Wenn also im Februar in der Schweiz eine Seilbahn von einem Sturm beschädigt wird, wo halte ich mich auf? Richtig: Ich bin am Gipfeli!


Reise-Kolumne: Sturm, Schnee & Säntis: Gefangen auf dem Gipfeli ♥ Lesezeit: 8 Minuten


Im Urlaub macht man, was man will. Und bleibt bei schlechtem Wetter drinnen. Als Reisejournalist auf Recherchereise macht man, was die Geschichte braucht. Und ist bei schlechtem Wetter überall, nur nicht drinnen. Die Zeit ist knapp, die Themenliste lang, vor allem aber kann man nicht ohne Story heimfahren. Deshalb beißt man durch, stürme, was da wolle. Mittlerweile bin ich meteorologisch gut trainiert. Ich weiß, wie ich mit Weltuntergangswetter umzugehen habe. Ich packe für jede Witterung. Ich trage lange Unterhosen mit Würde. Kurz: Ich bin der Chuck Norris der Reisejournalisten. Sturm, Schnee, Regen, Orkan? Wer sich ziert, verliert!

Nur: In letzter Zeit ziehe ich schlechtes Wetter an; beinahe so, als hätte jede Schlechtwetterfront und jedes Tief einen Radar, der mich überall auf der Welt aufspürt. In Israel regnet es durchschnittlich sieben Tage pro Jahr? Ich bin dabei! Orkan über Madeira, Sandsturm in der Sahara? Ich bin mittendrin. Von 30 Reisen im Jahr 2019 hatte ich bei 20 Pech mit dem Wetter. Ich fror, ich zitterte, ich wurde pitschnass, ich rutschte auf Eis, ich lag im Schnee. Und wenn’s dann doch mal schön war, wurde ich dorthin gebracht, wo es kalt ist. Nicht viele wissen, dass auf dem höchsten Berg Portugals im Sommer Schnee liegt, sehr viel Schnee. Nun, ich weiß es.

Nun begab es sich also, dass meine letzte Reise mich in die Ostschweiz führte. Für eine Sommergeschichte. Ergo: Fotos mit blauem Himmel und Sonnenschein. Und siehe da: Bei meiner Ankunft in St. Gallen scheint tatsächlich die Sonne. Frühling im Februar, ein Traum! Innerlich jubiliere ich und freue mich auf die großartigen Fotos, die ich machen werde. Mein erster Termin ist eine Führung durch das Kloster in St. Gallen. Zwei Stunden später trete ich wieder auf die Straße. Und stehe im Schnee. Am nächsten Tag begrüßt mich ein eisiger Schneesturm. Was soll ich sagen? Mein Schlechtwetter-Radar hat mich aufgespürt.

Sturm, Schnee & Säntis: Gefangen auf dem Gipfeli!
Sturm, Schnee & Säntis: Gefangen auf dem Gipfeli!
Sturm, Schnee & Säntis: Gefangen auf dem Gipfeli!

Am dritten Tag soll ich auf den Säntis fahren, mit 2.501 Meter der höchste Berg im Alpstein. Vom Gipfel aus kann man in sechs Länder sehen: Schweiz, Deutschland, Österreich, Liechtenstein, Frankreich und Italien. Das Problem: Das Wetter ist nicht wirklich besser. Schnee und Sturm bleiben zwar aus, aber es ist Grau in Grau. Kurz überlege ich, nicht auf den Gipfel zu fahren, aber wie das bei Reisejournalisten mal so ist: Es steht im Programm, also gibt es kein Erbarmen. Als ich an der Talstation gen Gondel gehe, treffe ich keinen Menschen. Auf der Aussichtsterrasse, auf der man üblicherweise den Sechsländerblick bewundert, sehe ich nur 50 Shades of Grey. Von freudiger Erregung allerdings keine Spur. Das einzige, was hier bläst, ist der Wind. Das tut er aber beträchtlich. Statt „Der Berg ruft“ gibt’s also nur „Vom Winde verweht“. Laut Programm habe ich um 14:30 Uhr einen Termin mit dem Marketingchef der Säntisbahn. Es ist aber erst kurz nach eins, also gehe ich essen. Das Restaurant: gähnend leer, einzig ein Pärchen sitzt verloren beim Mittagessen. Ich nehme gerade den ersten Bissen meines Hackbrätlis, da kommt eine Mitarbeiterin und sagt durch: „Wegen des schlechten Wetters wird der Betrieb früher eingestellt, die letzte Gondel fährt um 14:30 Uhr.“

Sturm, Schnee & Säntis: Gefangen auf dem Gipfeli!
Sturm, Schnee & Säntis: Gefangen auf dem Gipfeli!

Nun gut. Der Kellner hat wenig zu tun und ist in Plauderlaune, also sehe ich meine Chance. Und frage, was mir auf der Seele brennt. Ich meine: Ich habe so viele dystopische Serien gesehen, ich muss wissen, wie der Weltuntergang auf einem Schweizer Berg organisiert ist. Wie oft kommt solch Schlechtwettersituation vor? Wie behält man das Wetter im Blick, wer entscheidet über Betriebsschluss? Und was passiert, wenn man mal zu spät entscheidet und nicht mehr runterkommt? Gibt es Betten, Essen, Rettung? (Spätestens, seit ich die Serie „Lost“ gesehen habe, bin ich überzeugt davon, dass ich mich großartig schlagen würde in einer Überlebenssituation. Außerdem wurde ich kuriert von jeglicher Flugangst, sondern träume stattdessen davon, mit dem Flugzeug abstürzen und auf einer Insel ums Überleben zu kämpfen. Natürlich mit lauter heißen Typen. Und Essen. Und Bier. Und Sex.) Und der Kellner sagt: „Da ist noch nix schiefgegangen.“ Er arbeite immerhin seit 17 Jahren auf dem Gipfeli. Außerdem muss er in der Früh die Tiere füttern am Hof, er könne gar nicht bleiben.

Kurz darauf kommt der Restaurantleiter. Weil mein Termin um halb drei mit dem Marketingchef platzen würde, solle er nun mit mir eine Führung machen. Wir gehen los, wir plaudern – und wieder kann ich mir die Was-wäre-wenn-man-nicht-runterkommt-Überlebensfragen nicht verkneifen. Wer wird als erstes gerettet? Kinder, Frauen, alte Menschen? Wer wird als erstes gegessen? Deutsche, Appenzeller, Österreicher? Ich mein: Dass muss man klären! Und auch er sagt: „Das ist noch nie vorgekommen.“ Und überhaupt, seine Frau würde das gar nicht so lustig finden. 

Wir beenden die Führung, er begleitet mich zur Gondel. Es ist 14:02 – und ich habe um zwei Minuten die Gondel um 14 Uhr verpasst. Ein schneller Kaffee, alleine im Restaurant, dann runter zur Abfahrt. Auf dem Gipfeli anwesend sind nur noch die Mitarbeiter und ich. Auch für sie gilt: Wird der Betrieb eingestellt, müssen sie mit der letzten Gondel runterfahren. Kurz vor halb drei kommt eine Mitarbeiterin. Sagt: „Wir können nicht runter.“ Das Seil der Bahn sei gerade rausgesprungen, nichts gehe mehr, und mittlerweile ist der Wind ein Sturm und so stark, dass an Reparaturen nicht zu denken sei, geschweige denn, dass ein Helikoper kommt und uns rettet. Lockdown am Gipfeli.

Sturm, Schnee & Säntis: Gefangen auf dem Gipfeli!

Plötzlich ist es sehr still. Es muss erstmal bei allen sickern, was das bedeutet. Gefangen am Berg. In einem Schneesturm. Der so wild wütet, dass eine baldige Rettung aussichtslos ist. Innerlich gluckse ich. Ich habe keine Angst, sondern würde am liebsten laut loskichern und über diesen Zufall und die Ironie der Situation lachen. Wäre meine Führung zwei Minuten kürzer gewesen, wäre ich runtergefahren. So stehen sich elf Mitarbeiter und eine Journalistin gegenüber, wissend, dass sie eine Nacht auf dem Gipfeli miteinander verbringen. Die Blicke der Anwesenden: unbezahlbar. Vor allem der Kellner und der Restaurantchef sehen mich mit weit aufgerissenen Augen an. In diesem Moment halten sie mich (und meine vorausschauenden Fragen) für die Brut Satans. Dabei bin ich offenbar Dalai Gipfeli! Ich bringe die Situation dann auf den Punkt und stelle die einzig vernünftige Frage: „Ich hoffe, wir haben genug Alkohol!“ 

Video: Gefangen am Gipfel

Der Tag wird lang, der Nacht auch. Wir trinken einen Appenzeller-Schnaps auf den ersten Schock, dann einen Rotwein für die Nerven. Und noch einen. Der Sturm wütet vor den Fenstern, ich bekomme Unterricht in Schwyzerdütsch. Der Pegel steigt, draußen wie drinnen. Wir sind eingeschneit, wir sind Eidgenossen. Das Restaurant ist riesig, doch wir sitzen eng zusammen, das Radio dudelt, alle singen mit. Als es dunkel wird, schunkeln wir und tanzen, vom Wein der Angst beraubt, eine Polonaise durch das leere Restaurant. 

Sturm, Schnee & Säntis: Gefangen auf dem Gipfeli!

Am nächsten Morgen taucht ab 7 Uhr einer nach dem anderen wieder im Restaurant auf, zerzaust und zerknittert. Irgendwo im Bauch des Berges, der zu Teilen der Swisscom und der Schweizer Bundeswehr gehört, gibt es die Antwort auf meine Was-wäre-wenn-man-nicht-runterkommt-Überlebensfragen: nicht nur Betten, sondern mehrere Zweibettzimmer, in denen wir schlummern konnten. Es schneit und stürmt nicht mehr, doch erst gegen 11 Uhr lichtet sich der dichte Nebel vor den Fenstern. Mittlerweile wissen wir: Der Sturm umwehte den Gipfel mit 148 km/h. Dadurch wurde das Laufwerk der talseitigen Schwebekabine sowie der Sattelschuh in der Talstation beschädigt. An ein Runterkommen mit der Seilbahn ist also nicht mehr zu denken. Um 13 Uhr dann die erlösende Nachricht: Der Helikopter ist unterwegs. Ich steige ein, überfliege die zerklüftete Berglandschaft und sehe ihn endlich: den Sechsländerblick. Ich bin am Gipfeli!

Sturm, Schnee & Säntis: Gefangen auf dem Gipfeli!
Am nächsten Morgen: strahlendes Wetter am Gipfel
Sturm, Schnee & Säntis: Gefangen auf dem Gipfeli!
Die Zeit verkürzen, bis der Helikopter kommt …
Sturm, Schnee & Säntis: Gefangen auf dem Gipfeli!
Der berühmte Sechsländerblick vom Säntis.
Sturm, Schnee & Säntis: Gefangen auf dem Gipfeli!
„Großvati, es hat geschneit!“
Sturm, Schnee & Säntis: Gefangen auf dem Gipfeli!
Der Landeplatz für den Helikopter auf dem Säntis.
Sturm, Schnee & Säntis: Gefangen auf dem Gipfeli!
Im Helikopter geht es endlich runter vom Gipfeli.
Sturm, Schnee & Säntis: Gefangen auf dem Gipfeli!
Gelandet an der Bergstation der Säntisbahn.
Reiseblog Kosmopoetin.com

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♥ Offenlegung

Keine Offenlegung, aber ein herzliches Danke an meine Gipfeli-Genossen und diese verrückte Nacht auf dem Säntis. Danke für die herzliche Betreuung, den großen Spaß und die lustige Zeit mit euch!

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