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Reise-Kolumne: Abenteuer im All-inklusive-Hotel

Schon bevor ich als Reisejournalistin begann, beruflich um die Welt zu tingeln, war ich häufig auf Reisen, das fing schon in meiner Kindheit an: Das Reise-Gen wurde mir von meinen Eltern in die Wiege gelegt. Wir waren immer viel unterwegs - und als dann jene Zeit kam, in der All-inklusive-Hotels der heißeste Scheiß waren, waren wir natürlich auch da, erste Reihe fußfrei. 

Ich war 16 Jahre alt, als es das erste Mal passierte, und quasi eine Club-Jungfrau – mit großen Erwartungen, die nach drei Minuten jedoch abgeschmettert wurden. Damals lernte ich: In einem All-inklusive-Hotel ist wirklich alles inklusive, stupide Freizeitbeschäftigungen, penetrante Fröhlichkeit und übermotivierte Animateure. Damals lernte ich auch: Weder will ich nackt Bingo spielen, noch an einem Wet-T-Shirt-Contest teilnehmen – und schon gar nicht will ich mit einem Animateur Sex haben, der jede Touristin vernascht, die nicht bei „Drei“ auf der nächsten Palme ist.

Aber ich war jung, ich war wild – und in den ersten Tagen begriff ich, wie man beim Abendessen eine Flasche Wein mitgehen lassen kann. Als ich nach einer Woche ein paar Leute kannte, die das auch beherrschten, stand einem Gelage am Strand nichts im Wege – und bald war ich breit wie der Nil. Am nächsten Tag wollte ich sterben oder aber meine lädierte Leber auf dem nächsten Basar verscherbeln. Tapfer stand ich auf, doch meine Mutter merkte gleich, was los war und wollte mich zur Toilette bringen. Wir erreichten das Bad mit Müh und Not – in ihren Armen das Kind war – zwar nicht tot, aber es erbrach beachtliche Mengen Rotwein auf die weißen Fließen.

Den Rest des Tages lag ich im Bett. Da mein Zimmerfenster offen war und sich nur ein paar Stockwerke über dem Pool befand, wo das komplette Hotel zu feiern schien, bekam ich die Partystimmung rund um die Uhr mit. Abends döste ich gerade schwer leidend vor mich hin, als plötzlich ein Bierwetttrinken angekündigt wurde. Ängstlich zog sich mein Magen zusammen. Ein Animateur stellte die Teilnehmer aus den diversen Ländern vor und brüllte plötzlich: „From Austria: Melanie!“ Ich sprang auf, sah gerade noch, wie meine ältere Schwester einen Liter Bier auf ex runterkippte – und erbrach dann ein letztes Mal beschämt die traurigen Überbleibsel der vorherigen Nacht auf den tunesischen Boden.

Unvergessen auch der letzte Club-Urlaub mit meinen Eltern. Wo es einst total uncool war, mit seinen Eltern zu verreisen, habe ich heute selten mit Menschen so viel Spaß. Als ich mich vor ein paar Jahren mit ihnen auf Kos traf, waren sie schon da. Als ich einchecken wollte, wies ich an der Rezeption darauf hin, dass meine Eltern schon Hotelgäste wären. Eine Angestellte zeigte mir den Reisepass meines Vaters, ich nicke lächelnd und sagte: „Oh yes, that’s my father“. Wenig später hielt sie den Reisepass meiner Mutter hoch. Ich weiß nicht, welcher Teufel mich ritt – aber ich stutzte, runzelte die Stirn und rief panisch in hoher Stimmlage: „I don’t know this woman!“

Für mich war das ganz großes Kino, für die Hotelangestellte ein ganz großer Skandal. Selbst viel Freundlichkeit und Trinkgeld half nicht über das Vorurteil hinweg, dass mein Vater ein unmoralischer Weiberheld sei und meine Mutter seine billige Geliebte …


(Erstmals erschienen in: „CHICA“, Ausgabe 07/2009)

2 Kommentare

  1. Herbert Herbert

    😎😎🤣🤣🤣 köstlich und erheiternd zum lesen .. zum reinfühlen 😊😎😎

    • Jasmin Kreulitsch Jasmin Kreulitsch

      Und in diesem Falle gar nicht übertrieben. Das hat sich wirklich alles so ereignet :-).

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