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Reise-Kolumne: Let’s get lost

Als der liebe Gott unter den Menschen Karma für entspanntes Reisen verteilte, stand ich anfangs nicht in der ersten Reihe. Ein Flugzeug mit defekter Hydraulik? Klar, dass ich drin versauere. Ein Unwetter, das die Maschine schlackern lässt wie eine Achterbahn über den Wolken? Die Person, die verschämt ihr Niki-Lauda-Sandwich erbricht, bin ich. Irgendjemand beschließt, sich auf die Geleise zu legen? Man kann einen drauf lassen, dass ich in dem Zug bin, der stundenlang stehen bleibt, weil es sich über Leichenteile so schlecht fährt. Dass zu diesem Zeitpunkt alle Klos überschwemmt, der Speisewagen geschlossen und der Schaffner bescheuert ist, versteht sich von selbst. 

Doch eines Tages schien mein schlechtes Karma plötzlich wie weggeblasen zu sein. Ich hatte einen Flug um 17.20 Uhr von Berlin nach Wien, war pünktlich am Flughafen und ging lächelnd zum Check-in-Schalter. „Ihre Maschine ist verspätet“, meinte der Herr vom Bodenpersonal, räumte aber gleich gönnerhaft ein: „Ich könnte Sie aber auf die frühere Maschine umbuchen. Die fliegt jetzt.“ Da meinte ich, Engerln singen zu hören. Sollte ich tatsächlich mal reibungslos reisen? Ohne streikende Beamte, kotzende Kleinkinder und leere Kilometern in stinkenden Hallen? Ich konnte es nicht fassen, stimmte aber beglückt zu und plante schon genau, was ich mit der gewonnenen Zeit machen würde.

„Sie fliegen mit der Maschine von 12.30 Uhr. Die startet mit ein bisschen Verspätung“, erklärte der Herr weiter. Oha. Da musste ich dann doch schlucken. Ein bisschen? Aber egal, ich war ja nicht betroffen, sondern profitierte von der Verspätung, also ging ich strahlend zum Gate. Doch da schlug mir eisiges Schweigen entgegen. Ich getraute mich kaum, meinen Mitreisenden in die Augen zu schauen, denn die sahen gar müde und genervt aus und hatten alle ein manisches Funkeln in den Augen.

Als ich mir dann etwas zu trinken kaufte, stand vor mir ein Typ mit einer teuren Flasche Wein aus dem Duty-Free-Shop und flehte den Verkäufer an, ihm ein paar Plastikbecher zu überlassen. „Mir wart’ma seit vier Stunden, jetzt hamma für an Wein zam’glegt“, erklärte er erschöpft. Der Typ hinter dem Tresen überließ ihm zwar ein paar Becher, setzte aber dann zum Todesstoß an. „Die werden Ihnen nicht helfen“, sagte er trocken. „Im gesamten Abflugbereich gibt es keinen Flaschenöffner“. Sprach’s und ignorierte gekonnt die Tränen, die dem armen Passagier in die Augen stiegen, als er seinen Seelentröster anschaute – ja ja, so nah und doch so fern.

An Bord hatte sich seine Trauer dann aber in Energie verwandelt. Als die Stewardessen gemächlich den Abflug vorbereiteten, griff er beherzt ein. Sprang von seinem Platz auf, fuchtelte mit seinen Armen nach vorne und hinten und brüllte: „Da und da und da sind die Notausgänge, haben’s alle gecheckt?“ Dann rannte er die Gangway entlang, schubste die Stewardessen zur Seite, schloss joggend alle Gepäcksklappen und sagte dann – nun doch etwas erschöpft: „Nix für unguat, aber kömma jetzt bitte endlich fliagn, damit ma a Flüghöhe erreichen, bei der i a Bier kriag?“ Ich kicherte entspannt vor mich hin. Und ja, ich gebe es zu: Ich war ein bisschen schadenfroh. Endlich mal die anderen!

Aber wie das nun mal so ist, kommt Hochmut vor dem Fall. Während die armen, geplagten Passagiere nach der Landung erleichtert ihre Siebensachen vom Gepäckband nahmen und glücklich nach Hause fuhren, stand ich herum und wartete. Bis mir klar wurde, dass die Karma-Polizei sich nun doch an mich erinnert hatte. Die gewonnene Zeit verbrachte ich dann am Lost-and-Found-Schalter. Mein Koffer war nämlich in Kopenhagen gelandet.



(erstmals erschienen in der Zeitschrift Kärntner Monat, Ausgabe 06/2012)

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