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Reise-Kolumne: Gute Führung auf Reisen ist alles

Auf Recherchereisen – egal ob individuell organisiert oder in einer Journalistengruppe – gibt es eine Menschenspezies, mit der man am häufigsten konfrontiert ist: Guides. Reiseführer kommen meist stunden- oder tageweise dazu, manchmal begleiten sie auch eine komplette Reise – und manchmal übernehmen sie trotz Anwesenheit von Touristik- oder Airlinepartnern, die die Reise eigentlich leiten sollen, im wahrsten Sinne des Wortes die Führung.

Bei einer Journalistenreise, die mich ans andere Ende der Welt führte, wurde uns die M. an die Seite gestellt. Eine kleine, drahtige Dame mit sonnengegerbter Haut und strengem Blick. Wir kamen an, sie lächelte nicht. Wir stellten uns vor, sie lächelte nicht. Wir fuhren los, sie lächelte nicht. Nach der Ankunft sollte es eigentlich ins Hotel gehen, doch die M. entschied, dass wir uns schon die erste Stadt anschauen sollten, schließlich seien wir ja zum Arbeiten hier. Und wies uns streng darauf hin, noch auf dem Flughafen die Toilette zu benutzen. Als wir 30 Minuten später die besagte Stadt ansteuerten, meldete sich eine Journalistenkollegin zu Wort. Sie müsse dringend auf die Toilette. Die M. fixierte die Dame mit ernster Miene. Und erklärte, dass man bei ihr zuhören müsse – oder eben warten.
„Also wirklich. Sie müssen stehenbleiben! Schließlich sind wir keine normale Reisegruppe!“ Die M. sah die empörte Journalistin mit stoischer Miene an. „Das stimmt“, erwiderte sie trocken.. „SIE sind wirklich nicht normal.“
Als wir dann eine Stunde später vor dem Hotel ankamen, nahm die M. die mittlerweile ob ihrer Not verstummte Journalistin an die Hand, wies ihr den Weg zur Toilette und sagte: „Et voilà, beheben Sie bitte Ihr Problem.“

Spätestens da war klar: Die M. führte unsere Gruppe mit eiserner Hand an. „Morgen Früh fahren wir um 7 Uhr ab. Und wenn ich 7 Uhr sage, et voilà, dann meine ich 7 Uhr!“, sagte sie am ersten Abend und schaute uns reihum mit steinerner Miene an. Mittlerweile war die Gruppendynamik klar: strenge Lehrerin, verängstigte Schüler. Also standen am nächsten Morgen alle eingeschüchtert um 6:59 Uhr vor dem Bus, in Zweierreihe, die Rucksäcke ordentlich geschultert und leise miteinander flüsternd. Nur der Kollege aus der Schweiz erschien erst um 7:05 Uhr. Als am Abend der nächste Termin verkündet wurde, sagte die M.: „Morgen starten wir um 6:30. Die Schweiz erwarte ich um 6:15.“ Der Kollege zuckte zusammen. „Warum soll ich früher kommen?“ – „Sie waren heute zu spät. Et vóila, morgen sind Sie zu früh!“

Ich kicherte sehr häufig über die M. Denn obwohl sie nie lächelte, war ihr trockener Humor stets gegenwärtig, obwohl man sich nie sicher sein konnte, ob sie einen Witz machte oder das, was sie sagte, ernst meinte. Bei einer der langen Fahrten im Bus sprach sie über die Wandertouristen und wie schlecht diese ausgerüstet seien. „Wir sagen den Leuten immer: Bereiten Sie sich vor. Nehmen Sie warme Kleidung mit, denn das Wetter schlägt schnell um. Nehmen Sie Wasser mit. Tragen Sie die richtige Ausrüstung. Aber dann, et voilà, finden wir Tage später ihre Leichen!“

Klar war: Was die M. sagte, hatte immer Hand und Fuß; ihr Wissen über das Land war nicht enden-wollend. „Die ist ja wie Wikipedia!“ meinte ich zu einem Kollegen, als wir mal wieder im Bus saßen und die M. uns etwas erzählte. „Wer hat dazwischen geredet?“ fragte die dann streng durch das Mikro und schenkte uns einen tödlichen Blick, und wir rutschten auf unseren Sitzen in der letzten Reihe verschämt nach unten.

Das Wissen, dass die M. uns weitergab, wollte sie auch überprüfen. „Was habe ich gerade gesagt, Österreich?“ schallte es unvermittelt durchs Mikro, wenn ich mal wieder heimlich zum iPhone griff. Denn die M. wollte unsere komplette Aufmerksamkeit. Schnell entwickelte ich einen Schüler-Lehrer-Komplex und wollte das klügste Kind der Klasse sein. Ich hörte gut zu, zeigt immer brav auf, wenn sie etwas fragte, kam zu jedem Termin überpünktlich und erlaubte mir keine einzige Unart, wie beispielsweise um fünf Uhr morgens im Bus noch ein wenig zu dösen, weil wir mal wieder nur wenige Stunden Schlaf abbekommen hatten. Bereits am zweiten Tag lernten wir: Schlafen ist nicht erlaubt. Als die M. wieder einen ihrer Wikipediavorträge hielt und ein Kollege wegdämmerte, dröhnte es durchs Mikro: „Der Kollege aus Deutschland in der dritten Reihe, hallo, HALLO! Guten Morgen, et voilà: Jetzt sind Sie wach!“

Eines Tages waren wir in einer Stadt unterwegs und kauften ein. Als wir zurückkamen, gab ich einem Kollegen meine dicke Einkaufstüte mit, weil ich noch eine Runde drehen und fotografieren gehen wollte. Nach dem Dinner begleitete ich ihn zu seinem Zimmer, um meine Sachen zu holen, die M. ging ein paar Meter hinter uns. Als ich nicht zu meinem Zimmer abbog, sondern dem Kollegen folgte, vernahm ich hinter mir ein lautes Räuspern, gefolgt von dem strengen Ruf: „Die Mädchen gehen in ihre eigenen Zimmer!“ Verschämt drehte ich mich um und wollte mich rechtfertigen, doch da war sie schon um die Ecke gebogen – und kicherte vermutlich heimlich vor sich hin, weil ich mich direkt wieder in die defensive Schülerin verwandelt hatte, die die Lehrerin enttäuscht hatte.

Ihren Sinn für Humor bewies die M. an einem der letzten Abende. Unser Programm war irrsinnig vollgepackt, sodass wir nachts, wenn wir ins Hotel zurückkamen, nur noch in die Betten fielen. An jenem Abend stand allerdings noch ein Punkt auf der Programm; zwar freiwillig, aber als die M. mit strenger Miene wissen wollte, wer mitmacht, sagte ich natürlich eingeschüchtert Ja, während alle anderen sich tapfer dagegen entschieden. Einzig der Kollege aus der Schweiz ging mit – und wir fuhren durch die Nacht in die Berge zu besagtem Programmpunkt. Es war kalt, es war nass, es war langweilig – das gab sogar die M. zu. Doch wir hielten durch, machten das Beste daraus und lachten auf der Rückfahrt um zwei Uhr morgens über diese Pleite. Da sagte die M.: „Ich möchte Ihnen ja nicht sagen, was Sie zu tun haben, aber mein Rat wäre, die Wahrheit ein wenig zu dehnen und den anderen Kollegen zu erzählen, welch magische Erfahrung unser gemeinsamer Ausflug war. Et voilà: Rache ist süß!“ Wir stutzten kurz, nickten aber dann breit lächelnd.

Am nächsten Morgen beim Frühstück kamen wie erwartet die Fragen nach unserem Ausflug. Ich verschluckte mich beinahe an meinem Kaffee, als der Schweizer Kollege antwortete: „Ich habe ja schon viel von der Welt gesehen, aber das gestern Nacht, das war nachgerade episch! Erinnert ihr euch an unseren Helikopterflug? Das war langweilig im Vergleich zu gestern. Es war Magie!“ Die Mienen der Kollegen wurden länger und länger, am Ende des Tisches saß die M. und löffelte mit stoischer Miene ihr Frühstücksei. In ihren Mundwinkeln sah ich es aber leicht zucken.

Als wir nach einer Woche wieder nach Hause flogen und uns verabschiedeten, bedankte ich mich bei der M. für die Zeit und ihr umfassendes Wissen, von dem ich tatsächlich sehr viel mitnehmen konnte. Sie schüttelte mir die Hand, sagte: „Bleiben Sie so aufgeweckt!“ – und lächelte. Et voilà: Ich hatte sie ins Herz geschlossen.

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