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Reise-Kolumne: Eine feucht-fröhliche Auszeit in Cornwall

Als Mitzwanzigerin nahm ich eine Auszeit und verbrachte vier Wochen im Rosamunde-Pilcher-Land. Um festzustellen: Cornwall ist wie im Fernsehen – nur ohne Liebesschmus. Direkt vom Strand ging der Coast Path ab – und obwohl ich den sportlichen Tiefgang einer Wurstsemmel habe, erkundete ich fanatisch die Küstenlandschaft.

Klippe rauf, Klippe runter in der Endlosschleife. Ich entwickelte sogar das Reinhold Messner-Syndrom: Vor jeder neuen Klippe dachte ich „Do woa I no net!” und kletterte schon wieder wie ein hurtiges Gemslein den nächsten Hang hoch.

Gewohnt habe ich in dieser Zeit in einem malerischen Cottage in einem klitzekleinen Dorf an der cornischen Küste, das mir die N. zur Verfügung gestellt hatte. Die ist eine ehemalige Arbeitskollegin und der Liebe wegen nach Cornwall ausgewandert. Am meinem ersten Abend saß ich romantik-trunken in ihrem Cottage vor einem knisternden Feuer und hörte das Meer vor der Tür rauschen, als die N. mit einer Flasche ankam, in der eine bedenklich aussehende rote Flüssigkeit war.

„Sloe Gin, selbst gemacht“, rief sie stolz und goss uns ein Gläschen ein. Das Zeug schmeckte wie Fruchtsaft. Von Alkohol keine Spur, so meinten wir, also leeren wir im Nu die erste Flasche und starteten mit der zweiten. Erst da fragte ich, woraus Sloe Gin gemacht wird. „Ach du, ganz easy“, plauderte die N. mit Zungenschlag. „Schlehen, Gin, Zucker!“ – „Und womit wird es verlängert?“ fragte ich. „Na, mit Gin!“ kicherte die N. trunken und stolperte über ihren Hund. Die eingelegten Schlehen, die am Boden der Flaschen schwammen und vermutlich mehr Alkoholgehalt hatten als alle Insassen der Betty-Ford-Klinik zusammen, stellten wir beiseite. Die wollten wir später essen. Doch daraus wurde nichts.

Als wir am nächsten Morgen wach wurden, lagen wir leblos auf der Couch und suchten nach unserem Kreislauf. Vor uns: ein mit vermodernden Schnaps-Schlehen übersäter Tisch. Darunter: der Hund von N., der regungslos in einer Pfütze Erbrochenem lag. „Wer von uns war das?“ fragte die N. leicht hirnerschüttert. „Kann man im Koma überhaupt kotzen?“ gab ich zu bedenken. Die N. schüttelte den Kopf, doch ehe sie noch etwas sagen konnte, regte sich der Hund, öffnete gequält seine blutunterlaufenen Augen und spuckte eine halb verdaute Gin-Schlehe aus. Er sah aus, wie ich mich fühlte – es war das Armageddon eines Katers.

Am liebsten wären wir vor uns hin jammernd im Bett geblieben, doch wir mussten zu N.s zukünftiger Schwiegermutter, die die Hochzeit von der N. plante. Als sie uns in Zeitlupe auf ihre Farm zukriechen sah, gestand die N. sofort, was wir angestellt hatten. „Two! Bottles! Sloe! Gin!“ jammerte sie im Kater-Stakkato. Die britische Schwiegermutter schlug schockiert die Hände vor ihren Mund. „You should’ve been dead!“, stieß sie erschüttert hervor und sprang auf, um uns ein Süppchen zu kochen, das uns ins Leben zurückholen sollte.

„Kann man an einem Kater sterben?“ flüsterte ich kläglich und sah die N. weinerlich an. Die nickte kummervoll und wandte sich mit schwacher Stimme ihrer Schwiegermutter zu. “You have to cancel my wedding“, flüsterte sie pathetisch, „I’m gonna die today!” Die N. presste ein Tränchen hervor. „Tell your son, I love him“, röchelte sie, riss die blutunterlaufenen Augen dramatisch auf und beendete ihren suizidalen Schmachtfetzen: „He’ll be the first man in the world, who’s gonna be widower BEFORE he’s gonna be married!” schluchzte sie Rosamunde Pilcher-reif, während ich intensiv überlegte, wie ich die Gemüsesuppe, die mir ihre Schwiegermutter vor die Nase stellte, unauffällig erbrechen könnte. Wo war bloß der Hund? Vielleicht könnte ich es auf ihn … – vielleicht … – man hat ja schon Hunde kotzen sehen …


(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 04/2011)

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