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Wandern in Marokko: Ein Meer aus Sand und Stein in der Sahara

Manchmal stellen sich Reisen von selbst auf den Kopf. In Marokko regnet es seit Tagen, was zwar ein Segen für manch trockenen Landstrich ist, allerdings nicht für den Tizi n’Tichka, einen 2.260 Meter hohen Gebirgspass im Hohen Atlas. Der ist wegen der Wassermassen von oben halb weggeschwemmt – und somit der einzige Weg, der in die Sahara führt, nicht befahrbar.

Die Gesichter der Teilnehmer der Reisetour „Sternschnuppen der Wüste“ sind lang. Eine zusätzliche Nacht in Marrakesch wird zwar kurzerhand gebucht, doch der Verlauf der Reise bleibt ungewiss. Als am nächsten Tag der Regen ausbleibt, fällt die Entscheidung: Die Tour findet statt, allerdings verkürzt und mit einer anderen Route. Doch das spielt keine Rolle: Die Sehnsucht, unter Sternen in der Wüste zu schlafen, ist wieder zum Greifen nahe.

Der Bus tuckert über unebene Straßen, vor den Fenstern ziehen trockene Gebiete und kleine Dörfer vorbei. Auf dem mittlerweile wieder befahrbaren Tizi n’Tichka fehlt tatsächlich die halbe Straße, im Atlasgebirge fahren wir durch Schnee. Dann verändert sich die Landschaft: Palmen und Oasen säumen den Weg und in der Ferne schimmern zerklüftete Berggipfel, hinter denen sich die Sahara verbirgt.

Wandern in der Sahara in Marokko
Der Weg in die Wüste führt über den Pass Tizi n‘Foum Laachar.

Es ist eine staubige Landstraße, auf der ich meinen Tagesrucksack schultere und meinen großen Backpacker auf den Rücken eines der Lastdromedare schnüren lasse. Zur Aufregung über die bevorstehende Wüstenwanderung gesellt sich nun auch ein bisschen Unsicherheit. Was erwartet mich hinter dem Berg, der sich vor mir erhebt? Wie anstrengend wird die Tour?

Die Luft wird knapp, als ich mich langsam nach oben arbeite. Der Weg in die Wüste führt über das Jebel-Bani-Gebirge und den Pass Tizi n‘Foum Laachar; erst dahinter erreichen wir die Hammada, die Stein- und Felswüste. Lediglich 20 % der Sahara bestehen aus dem bekannten Dünenmeer, genannt Erg, den größten Teil nimmt die Hammada ein.

Der Weg über den Pass hat es in sich. Der Boden ist oft durch Geröll blockiert, der Pfad schwer zu erkennen. Das Panorama zeigt sich noch nicht, dafür aber die Wüstensonne: Selbst im Winter kann es hier tagsüber 30 Grad haben und die Sonne brennt gnadenlos auf uns Wanderer. Ich keuche mich langsam nach oben und staune, wie grazil die Dromedare es unter ihrer Last über den Pass schaffen: Sie transportieren alles, was wir im Wüstencamp brauchen: Zelte, Schlafmatten, Schlafsäcke und Decken ebenso wie unzählige Lebensmittel, Kochutensilien und Wasser.

Nach zwei Stunden passiert jener Moment, auf den wir alle gewartet haben: Wir machen unsere ersten Schritte in der Sahara und wandern in eine Landschaft, die magischer nicht sein könnte: Zerklüftete Bergketten, kilometerweit nur Stein und Fels und eine Weite, die man nicht fassen kann: Die Sahara ist insgesamt neun Millionen Quadratkilometern groß – das entspricht der gesamten Fläche der USA!

Das Schlüsselwort ab nun ist: gehen. Schritt für Schritt in eine Welt, die so aussieht, wie sie einst entstand: Kantige Tafelberge säumen den Horizont, Felsformationen und Steinmeere erheben sich rund um türkisfarbene Wasserbecken, und es ist still, sehr still. Jetzt bestimmt die Wüste das Tempo. Die Zeit scheint langsamer zu vergehen, wir schweigen oft beim Wandern und staunen still über das, was uns umgibt. Jeder hat seine eigene Geschwindigkeit, jeder baut seine eigene Verbindung zur Sahara auf.

Am Nachmittag ist die erste Tagesetappe geschafft. Wir erreichen das Hassi Diab, eine kleine Oase, wo bereits unser Wüstencamp aufgebaut ist. Die Berber und die Dromedare, die uns begleiten, sind längst angekommen, daher erwartet uns bereits ein gemütliches Gemeinschaftszelt, in dem wir Tee trinken, herumliegen, quatschen und später auch essen werden. In der Mitte eine große Decke – als Symbol für unseren Tisch, drumherum blaue Matten, auf denen wir erst relaxen und nachts schlafen. Die Wüste bestimmt unseren Rhythmus: Als nach dem Essen die Sonne gegen 20 Uhr untergeht, zieht sich jeder in sein Zelt zurück und geht schlafen, auch wegen der Temperatur. Die fällt nachts im Dezember gerne mal auf 0 Grad, daher ist die frühe Bettzeit durchaus sinnvoll.

Der natürliche Rhythmus der Wüste begleitet uns auch in den neuen Tag, der bereits vor Sonnenaufgang beginnt. Gegen halb sechs huscht unser Guide leise durch die Zelte, ruft „Guten Morgen!“ und bringt jedem eine Schüssel mit warmem Wasser für eine Katzenwäsche. Danach: anziehen, packen, Zelt abbauen. Erst dann gibt’s Frühstück. Das hat seinen Grund. Während wir essen, beladen die Berber die Dromedare und räumen das Camp zusammen. Und dann geht es wieder weiter, Schritt für Schritt tiefer in die Weite der Sahara.

Wandern in der Sahara in Marokko
Ein unvergessliches Frühstück in der Steinwüste in der Sahara.

Es dauert drei weitere Tage, bis sich langsam der trockene und harte Boden voller Steine, Geröll und Felsbrocken verändert und wir in der Ferne die weichgezeichnete Sanddünen von Laabidlia erspähen. Doch der Schein trügt und der Weg ist noch lang. Stundenlang geht es schnurgerade, der Weg ist trocken, die Sonne brennt, der Schweiß rinnt. Es dauert noch fünf lange Stunden, bis immer mehr Sand unseren Weg säumt und sich dann die Dünen in ihrer vollen Pracht vor uns eröffnen.

Die Magie ergreift mich mit voller Wucht von allen Seiten. In jeder Himmelsrichtung breitet sich ein malerisches Sandmeer mit unzähligen Wellen aus – und es gibt kein Halten mehr. Schuhe aus, rauf auf die Dünen und staunen, einfach nur staunen. Keiner spricht ein Wort, jeder sucht sich seine eigenen Dünen und lässt sich ein auf die Magie, die sich einem hier, mitten in dem Meer aus Sand in Marokko, offenbart.

Ich rutsche nach oben, ich rutsche nach unten, ich lasse Sand durch meine Zehen rieseln und mache unzählige Selfies. Ich sitze eine geschlagene Stunde auf einer Düne und lausche in die Stille. Ich lache, ich weine, ich staune. Dann wandere ich weiter, Düne rauf, Düne runter, Düne rauf.

Und springe lachend vom höchstend Punkt.

Wandern in der Sahara in Marokko
Eine Frau, eine Kamera – und sonst nichts als die Unendlichkeit der Sandwüste in der Sahara.

Offenlegung & Infos

Das österreichische Reiseunternehmen Weltweitwandern hat mich eingeladen, an dieser Wanderreise in Marokko teilzunehmen; meine Reportage wurde in der Zeitschrift miss veröffentlicht. Die Tour Sternschnuppen der Wüste wird jedes Jahr von Anfang Februar bis Anfang April und von Anfang Oktober bis Ende Dezember veranstaltet (9 Tage inkl. Flug, Hotel, Zelt und teilweise Halbpension um € 1.490/Person).

7 Kommentare

  1. Hallo Jasmin,
    vielen Dank für den tollen Bericht und deine wunderbaren Fotos! Wir fliegen in 2 Wochen nach Marokko und freuen uns schon riesig!
    Liebe Grüße

    Lisa & Benedikt

    • Jasmin Kreulitsch Jasmin Kreulitsch

      Oh, wie toll! Wohin genau geht es denn? Ich beneide euch – bin sowohl ein großer Fan von der Wüste, als auch von Marrakesch. Sehnsucht nach allem kommt auf :-).

      • Wir werden von Casablanca über Fes und die Sahara in 11 Tagen nach Marrakesch fahren und unterwegs so viel wie möglich mitnehmen. Es ist unsere erste Reise nach Marokko und wir sind schon sehr gespannt!

        • Jasmin Kreulitsch Jasmin Kreulitsch

          Klingt toll! Ich werde euch wortwörtlich (auf Instagram) folgen – hab euch gerade gesucht und gefunden :-).

  2. Aloha Jasmin! Liest sich super! Habe auch einen Marokko Beitrag auf meiner Seite … über einen Schuhe Macher (www.textwelle.de/schuhe-machen-leute). Bist Du bei Pinterest, dann pin doch gerne mit im Textwelle Reise Gruppenboard. Das macht Spaß! Willkommen! Alles Liebe!

    • Jasmin Kreulitsch Jasmin Kreulitsch

      Vielen Dank! Ich liebe die Schuhe aus Marokko – so bequem! Pinterest nutze ich aus Zeitgründen noch nicht, aber wer weiß, was noch alles passiert … 🙂

  3. Wandern in Marokko! Wahnsinn, da wär ich gar nicht darauf gekommen. War schon ewig nicht mehr da. Also wird’s bald mal wieder Zeit.

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