Zum Inhalt springen

Ein Bild, eine Geschichte: Ein Stück Karibik im rauen Wales

Im Supermarkt kann ich mir ein Lachen nicht verkneifen. Minutenlang stehe ich vor der Kühltheke und kichere über dicke Plastikbecher, in denen Flüssigkeiten in unterschiedlichen Rot-Schattierungen schwappen, als ich sie in die Hand nehme. „Wine to go“ steht auf einem kleinen Schild, und ich kichere wieder. Muss heute wirklich alles „to go“ sein? Wie soll dieser Wein überhaupt gut schmecken, wenn er in dickem Plastik verschweißt tagelang hier lagert? Und welcher Brite kauft sich zu seinem Lunch-Sandwich tatsächlich einen „Wine to go“? Der Supermarkt in Cardiff ist gut besucht, ich sehe allerdings keinen Waliser, der sich einen Weinbecher zum Mitnehmen in den Einkaufswagen legt. Meine Neugier ist größer als die Vermutung, dass der Wein keinesfalls schmecken kann, also nehme ich ihn mit; irgendwann finde ich sicher die Gelegenheit, ihn zu kosten.

Es ist Frühling, und ich fahre ein paar Tage lang im Süden von Wales von Küste zu Küste, um die schönsten Strände zu erkunden. Verlässt man das quirlige Cardiff, dauert es nur wenige Minuten, bis einen die ländliche Idylle von Wales umfängt. Schmale Straßen, putzige Cottages, steile Klippen, saftig grüne Hügel – und immer das Meer im Blick, rau und wild. Wales, das ist nicht England, das ist nicht Großbritannien – es ist einfach Wales. Hier gibt es 11 Millionen Schafe, 641 Burgen, 1.200 Kilometer Küste, 3 Millionen Einwohner und 2 Sprachen: Neben Englisch wurde 1993 auch Walisisch zur Amtssprache erhoben. Mit 58 Buchstaben gibt es in Wales deshalb den längsten Ortsnamen Europas: Lanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist der Name eines Dorfes auf der walisischen Insel Anglesey und heißt übersetzt: „Kirche der heiligen Maria am Teich der weißen Haselnussbäume, in der Nähe des schnellen Strudels an der roten Grotte der Kirche des heiligen Tysilio“.

Einen Tag später fahre ich die Küste entlang, in meiner Handtasche noch immer der verschweiße „Wine to go“, beinahe vergessen. Es ist später Nachmittag und es ist nur noch ein Strand auf meiner Liste: Barafundle Bay in Pembrokeshire. Meine Notizen sagen mir, dass man nur zu Fuß hinkommt und am Stackpole Quay parken muss. Als ich aussteige, fängt mein Herz zu klopfen an. Ich stehe vor dem kleinsten Hafen, den ich je gesehen habe: Gerade mal ein Dutzend Boote schaukeln in der Bucht am Stackpole Quay. Es ist still, kein Mensch weit und breit, und meine Augen suchen eine Wegweiser zum Barafundle Bay, der wegen seiner malerischen Schönheit schon mehrfach ausgezeichnet wurde: 2004 landete er auf der Liste der 12 schönsten Strände der Welt, 2006 wählte das „Country Life Magazine“ Barafundle Bay auf Platz 1 für den schönsten Picknick-Platz Großbritanniens, und 2016 erhielt der Strand den „Green Coast Award“ und den „Seaside Award“. Einst war Barafundle Bay nicht zugänglich für die Öffentlichkeit, sondern im Privatbesitz der Familie Cawdor, Nachkommen des „Thane of Cawdor“, der auch in Shakespeare’s „Macbeth“ vorkommt (Macbeth wird von König Duncan zum „Thane of Glamis and Cawdor“ gemacht).

Ich entdecke ein Schild an einem dicken Baumstamm und gehe los. Schiefe Treppenstufen aus Stein führen zwischen dichten Bäumen sanft nach oben, der Weg wird langsam breiter – und es öffnet sich eine Szenerie, die aus dem Bilderbuch zu kommen scheint: Die Wiesen vor mir scheinen endlos weit und völlig unberührt zu sein, lediglich ein schmaler Pfad lässt erkennen, dass auch Menschen hier entlang gehen. Die sanft-hügeligen Wiesen fallen langsam vor mir ab und enden in hohen, üppigen Klippen, unter denen die Wellen der Keltischen See toben.

Jeder Schritt führt mich in ein neues Staunen.

Dann passiert es. Ich laufe weiter wie auf Watte auf dem grünen Gras, als sich langsam Zacken aus Stein in mein Blickfeld schieben. Noch immer ist kein Mensch weit und breit zu sehen. Es ist still, nur der Schrei der Möwen und die Brandung geben der Kulisse einen Soundtrack, den man am liebsten in die Tasche packen würde. Aus den Zacken wird eine dicke Mauer, unter der sich in Zeitlupe ein Strand offenbart, der sich in dieser Stille so malerisch vor einem ausbreitet, dass er einfach nur unecht sein kann.

Ich bleibe stehen und lasse den Blick schweifen. Vor mir eine leicht geschwungene Bucht mit tiefklarem blauem Wasser und goldenem Strand. Was ich sehe, mutet an wie eine Szenerie aus der Karibik und ist doch hier oben, im Südwesten Wales, wo ich mich dem Staunen hingebe und am liebsten die Zeit anhalten würde. Ich setze mich ins Gras, beobachte, wie Schaumkronen auf den rauen Wellen tanzen, und lächle. Genau für diesen Moment hat der „Wine to go“ mich ausgesucht. Ich ziehe die Folie vom dicken Plastikbecher, nehme einen Schluck und schaudere. Der Wein schmeckt furchtbar; und dennoch könnte kein Ort perfekter sein, um ihn zu trinken, hier oben auf der Klippe, wo es einfach nur furchtbar schön ist und ich glucksend kichere vor Glück über das, was vor mir liegt.


Offenlegung & Infos

Visit Britain hat mich eingeladen, nach Wales zu reisen. Meine Reportage wurde in der Zeitschrift miss veröffentlicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.